TOMATO TRAVELS

Ausstellung Bieler Fototage 9. – 31. Mai 2026
Gewölbe Galerie, Obergasse 4, Biel
Vernissage: 8. Mai 18:00

Es ist schwer, sich eine Welt ohne Tomate vorzustellen. Sie ist meistens nur Beilage, aber trotzdem der heimliche Star auf unseren Tellern. Kein anderes Gemüse wird weltweit häufiger angebaut und gehandelt. Sie ist Lebensmittel, Design- und Kulturprodukt. Ihre Produktions- und Lieferkette führt durch die grossen Themen der Gegenwart: Klimakrise, Globalisierung, Migration und Armut.

Mit seinem Langzeitprojekt lässt sich Daniel Rihs auf diese Reise ein.  Seine Fotografien zeigen, wie ein Wirtschaftssystem wirklich aussieht, das die Erde als unablässige Lieferantin von normierbaren, patentierbaren Rohstoffen begreift.

Seine Expeditionen haben ihn in die hochindustrialisierte Gemüseproduktion in der spanischen Region Extremadura gebracht und mehrfach nach Andalusien. Aber auch nach Hamburg, in die niederländische Provinz Limburg, in den Kanton Aargau und den Kanton Thurgau – und an den Murtensee.

Doch nirgends zeigen sich die ökologischen und sozialen Folgen einer deregulierten Landwirtschaft so exemplarisch wie in der andalusischen Region Almería. Es ist eine Mischung aus Ausbeutung und Innovation, aus Effizienz und Nachlässigkeit, die es hier möglich macht, über das ganze Jahr hinweg frisches Gemüse und frische Früchte zu produzieren.

Hier bilden die Treibhäuser ein riesiges Meer aus Plastik, das selbst vom Weltall aus sichtbar ist.

Landwirtschaft in solchen Dimensionen ist ohne Arbeitsmigration gar nicht möglich. Die Erntehelfer – es gibt kaum Frauen – dürfen jedoch nicht legal einreisen. Wie und ob sie es nach Spanien schaffen, spielt für das Funktionieren des Systems keine Rolle. Denn Armut in den Herkunftsländern und die hoffnungsvolle Aussicht auf eine Arbeitsbewilligung in einem EU-Staat sorgen für permanenten Nachschub an Arbeitskräften. Allein 2024 dokumentierte der spanische Verein Caminando Fronteras über 10’450 Todesfälle auf den verschiedenen Fluchtrouten über das Meer nach Spanien.

Die intensive Landwirtschaft hat immense Folgen für die Region: Dürren treten nicht mehr periodisch auf, sie sind Dauerzustand. Die Trinkwasserversorgung und die Bewässerung der Anbauflächen sind nur noch dank industrieller Entsalzung von Meerwasser möglich. Die Flussbetten führen seit Jahren kein Wasser mehr, sind überwachsen und zugemüllt.

Die verdichteten, versiegelten Böden sind praktisch wasserundurchlässig. Sie saugen nichts mehr auf, wenn es regnet. Und die Menschen hier ängstigen sich immer mehr vor sintflutartigen Regenfällen mit katastrophalen Fluten, Überschwemmungen und Todesopfern.

Auf seinen Reisen hat Daniel Rihs mit Menschen gesprochen, die trotz Allem versuchen, verantwortungsvoll zu handeln. Mit Erntehelfer*innen, Landwirt*innen, Biolog*innen, ehrenamtlichen Spanischlehrer*innen, Hilfsarbeiter*innen, Chaffeur*innen, Lagerist*innen, Magaziner*innen. Die meisten wollen ihre Arbeit gut machen – und im Rahmen des Möglichen etwas zum Positiven bewirken.

Solange wir nicht bereit oder in der Lage sind, den wahren Preis für ein Kilo frische Tomaten im Winter zu bezahlen, ist es müssig, wenn wir nur empört auf das unerbittliche System Almería zeigen.

Daniel Rihs’ Fotografien klagen nicht an. Vielmehr wirft er mit «Tomato Travels» Licht auf die strukturelle Gewalt der globalen Nahrungsmittelproduktion. Zwischen den einzelnen Bildern entstehen Verbindungen, die Verborgenes zum Vorschein bringen, eine grössere Geschichte erzählen. Wenn wir auf den Fotografien Menschen erkennen, sind es keine Nahaufnahmen. Oft sind Körper zu erkennen: Nicht als Individuen, sondern als Elemente in dieser Nahrungskette, die Mensch und Natur gleichermassen an die  Grenzen bringt – vom kostbaren Saatgut bis zur günstigen Pelatibüchse.

Die Treibhäuser bilden ein riesiges Meer aus Plastik, das selbst vom Weltall aus sichtbar ist.
El Ejido, Andalusien, 18.8.2024.
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Ein Anhänger mit maschinell geernteten Tomaten steht zum Abtransport nach Don Benito bereit. Dort werden sie von internationalen Lebensmittelkonzernen zu Sugo verarbeitet und in Konservendosen abgefüllt.
Don Benito, Extremadura, Spanien. 29.9.2021.
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Ein Forscher von BASF Nunhems entfernt von Hand die Staubblätter einer Tomatenblüte für die kontrollierte Züchtung neuer Sorten.
Nunhem, Limburg, Niederlande. 15.10.2025.
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Freiwillige eines jesuitischen Hilfswerks für Migrant*innen geben in Baracken-Siedlungen ohne Strom- und Wasserversorgung Spanischunterricht. Dafür bringen sie Lampen mit.
El Barranquete, Andalusien, Spanien. 4. November 2025.
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In Almería werden jährlich rund 3 Millionen Tonnen Obst und Gemüse angebaut, die grösstenteils per Lkw in Länder Nordeuropas exportiert werden, insbesondere nach Großbritannien, Frankreich und Deutschland.
Adra, Andalusien, Spanien. 30.10.2025.
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In der Entsalzungs-Anlage Campo de Dalías überwacht ein Mitarbeiter die Umkehrosmose, bei der Meerwasser durch Membranen mit winzigen Öffnungen gepresst wird.
Almería liegt in einer der trockensten Regionen Europas und zählt zugleich zu den wichtigsten Anbaugebieten für Obst und Gemüse. Trinkwasserversorgung und Bewässerung sind nur dank zwei riesigen Wasseraufbereitungs-Werken gewährleistet.
Balanegra, Andalusien, Spanien. 30.10.2025.
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Laut WWF besteht der Müll im Mittelmeerraum zu 95 Prozent aus Plastik. Die Plastikfolien der Gewächshäuser werden alle drei bis fünf Jahre ersetzt. Die Zahl der Unternehmen, die auf Recycling spezialisiert sind, steigt. Ein grosser Teil des Plastikabfalls landet nach wie vor auf illegalen Deponien. Gemäss dem Blog KlimaNachrichten.de nimmt die Mikroplastikbelastung vor der Küste Almerías weiter zu.
El Ejido, Andalusien, 19.8.2024.
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Zwischen Gewächshäusern liegt ein Stofftiger auf Bewässerungsschläuchen.
El Barranquette, Almeria, Spanien. 12.11.2025.
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In dieser Baracken-Siedlung leben rund 200 Erntehelfer aus dem Maghreb. In der Region sind mehr als
10’000 Arbeitsmigrant*innen obdachlos und übernachten in verlassenen Häusern, Garagen, Schuppen oder direkt in Gewächshäusern.
El Barranquete, Almeria, Spanien. 3.11.2025.
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Ein Erntehelfer aus Ghana pflückt Tomaten der Sorte Oyin. Die Sorte bleibt auch im reifen Zustand braun-grün glänzend und verfärbt sich nicht rot. Das 6’500 Quadratmeter grosse Gewächshaus gehört einem Ehepaar. In Almería überwiegen landwirtschaftliche Kleinbetriebe mit weniger als fünf Hektar und wenigen Angestellten. Sie schliessen sich zu Produktionsgenossenschaften zusammen. Grossgrundbesitz und Konzerne sind die Ausnahme.
Almería, Spanien. 7.11.2025.Almeria 7.11.2025.
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Fermentierte Tomaten vor der Entnahme des Saatguts zu Forschungs- und Entwicklungszwecken an einem Forschungsstandort von BASF Nunhems.
Roggel, Niederlande. 16.10.2025.
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Für die einen ist es Foodwaste, für die anderen ein kultiger Ausnahmezustand: Bei der Tomatina bewerfen sich jedes Jahr Tausende Menschen während einer Stunde mit Tonnen von Tomaten. Den Schinken auf dem eingefetteten Pfahl holt dabei niemand herunter.
Buñol, Valencia. Spanien. 28.8.2024.
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Lokale Vereine sowie viele Anwohnerinnen und Anwohner reinigen nach der jährlich stattfindenden Tomatina die Strassen. Bereits drei Stunden nach dem Fest sind kaum noch Spuren sichtbar.
Buñol, Valencia. Spanien. 28.8.2024.
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Auf einem Bücherregal der Gemeindeverwaltung der Kleinstadt Miajadas steht das Modell einer Tomatenskulptur. Das Original befindet sich im Verkehrskreisel am Ortseingang. Der Ort bezeichnet sich selbst als europäische Hauptstadt der Tomate.
Miajadas, Extremadura. 5.10.2021.
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Francesco Mutti, CEO des Konservenherstellers Mutti, in einem TV Spot.
Bern, 15.1.2024.
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Tomaten spielen an der World Travel Catering and Onboard Services in der Messe Hamburg eine wichtige Rolle. Tomatensaft hat über den Wolken beinahe Kultstatus und gehört für viele Passagiere so selbstverständlich zum Fliegen wie der Blick aus dem Fenster. Die Swiss schenkt nach eigenen Angaben rund 60’000 Liter pro Jahr aus.
Hamburg, Deutschland. 14.6.2022.
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Ein Traktor bringt einen Anhänger mit 10'000 kg maschinell geernteten Tomaten nach Don Benito. Globale Lebensmittelkonzerne verarbeiten sie vor Ort, füllen sie in Konserven ab und exportieren sie in internationale Märkte.
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